Presse-Artikel
Ein Leben auf 16 Quadratmetern
"In Oma Elskes Häuschen in Groothusen wurden sieben Kinder groß."
Ursprünglich wohnten zwei Brüder mit ihren Familien in dem 1840 erbauten
Landarbeiterhäuschen in Groothusen, das mitten im Giebel geteilt ist. Es liefert den
besten Beweis für die These, das Armut der beste Denkmalschutz ist. Die eine
Hälfte, in der Oma Elske ihr 99 Jahre währendes Leben verbrachte, blieb unver-
ändert, während die andere im Laufe der Zeit verputzt und mit Kunststofffenstern
sowie einem Anbau ausgestattet wurde. "Es ist an sich das schönste Haus, das in
Ostfriesland steht", findet ANNO-Mitglied Hero Georg Boomgarden, der das
gesamte Gebäude inzwischen gekauft und restauriert hat.
Heute können Feriengäste ihren Urlaub in der mit zwei Butzen und einem
Ofen ausgestatteten Einraumwohnung genießen, in der einst Oma Elske mit Ehemann Johann, ihrer Mutter und sieben Kindern auf einer Fläche von 16 Quadratmetern gelebt hat. "Sie ist in der Butze geboren, hat darin sieben Kinder zur Welt
gebracht und ist dort gestorben", erzählt Boomgarden. "Sie verbrachte nicht eine
Nacht außerhalb."
Weiter als bis Emden kam die stets schwarz gekleidete, stark gebückte alte Frau
nie. Ihr erfülltes Leben war voller Armut, Arbeit und nicht ohne Tragik: Die
ersehnten Stammhalter, die nach den fünf Töchtern zur Welt kamen, fielen beide
im Krieg. Weil Oma Elske Tabakgeruch liebte, pflegte sie ihre Schwiegersöhne und
deren männliche Nachkommen am Sonntagmorgen zu Mettwurst und Branntwein
einzuladen. Bis zu ihrem Tode vor 17 Jahren wurde sie von ihren drei Töchtern
gepflegt, die im Umkreis von Elskes Häuschen wohnten: Die erste wusch sie morgens, die zweite kochte ihr das Mittagessen, und die dritte kam nachmittags zum
Tee; sie brachte Oma Elske abends in ihr Butzenbett. Boomgarden kennt das Haus
seit seiner Kindheit, als er für das Rote Kreuz in Groothusen Spenden sammelte.
"Oma Elske und Opa Johann saßen am Feuer und sangen die Psalmen rauf und
runter."
Der gesamte Besitz der zehnköpfigen Familie passte in einen Kleider- und einen
Porzellanschrank. "Im vorderen Schrank stand oben eine Schweinetasse, darin war
das Schweinegeld." Es war von großer Bedeutung für die Familie: Die Familie kaufte
von dem Tassen-Inhalt im Frühjahr zwei Ferkel auf dem Markt im Pewsum.
Eines wurde gemästet und geschlachtet, während das andere als Läufer an Kaufmann Knoop verkauft wurde. Der Erlös kam in die Schweinetasse - für die Ferkel
des nächsten Jahres. "Es war eine große Katastrophe, wenn eines der Ferkel starb."
Während Boomgarden den Wohnraum von Oma Elske unverändert ließ, richtete
er im ehemaligen Stalltrakt Bad und Küche ein. Dort waren einst neben den
Schweinen die Schafe der Familie untergebracht. "In Groothusen gab's bis ins
19. Jahrhundert hinein einen Erlass zur Schafhaltung: Eine Arbeiterfamilie durfte
nur vier Schafe durch den Winter bringen; überzählige Tiere wurden dem
Armenhaus zur Verfügung gestellt."
1923 erhielt jede Familie im Längswurten-Dörfchen eine Spende von der Familie
Brons, die in der Osterburg wohnte: einen Apfelbaum, eine Rose und eine
Deckenvertäfelung. Während Oma Elske die sogenannte "Brons-Spende" in Ehren
hielt, musste Boomgarden auf dem kleinen Grundstück der anderen Hälfte, das er
nach dem Vorbild von Oma Elskes Huus zurückbaute, Apfelbaum und Rose neu
pflanzen. " Als wir diese Haushälfte gekauft hatten, mussten wir eine kleine
Flurbereinigung vornehmen: Der Garten war schachbrettartig in neun Parzellen
geteilt:"
Auch sonst erinnerte in der zweiten Haushälfte nichts mehr an Oma Elskes Huus.
"Wir mussten das Haus stückweise abtragen und auf den alten Zustand zurückbauen" ,
blickt Boomgarden auf die Arbeiten zurück, an denen sich auch sein Vater und sein
Sohn beteiligten. Als sie den Anbau wegrissen, wurde darunter das alte Fundament
sichtbar. "Wir haben an dieser Stelle per Zufall die alte Regenbacke gefunden.
Darin war noch Wasser, das seit 1960 nicht mehr genutzt wurde."
Als die Freizeit-Restauratoren im letzten Bauabschnitt Giebel und Schornsteine
erneuerten, stellten sie fest, dass sämtliche Steine unter der dicken Putzschicht, die
das Haus trocken halten sollte, kaputt gefroren waren. " Putz ist ungefähr das
Tödlichste, was man einem Haus antun kann", sagt Boomgarden. Die Strapazen
der Bauarbeiten hat er längst vergessen. "Jetzt sind wir froh, dass wir beide Hälften
gerettet haben." ert
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